User experience: Sehen Internetnutzer Webseiten so, wie es sich Webdesigner gedacht haben?

Tutorial, Usability, User experience, Vorträge, Web, Web 2.0 Kommentar hinzufügen

Auch im Zeitalter des Web 2.0 ist das Thema “User experience” (Wahrnehmung von Webinhalten durch Nutzer) noch nicht bei allen Webdesignern und Programmieren angekommen. Immer noch wird jeden Tag eine Fülle von Inhalten für das Internet produziert, die von den Nutzern nicht genutzt, oder noch schlimmer, überhaupt erst gar nicht wahrgenommen werden. Große Portalangebote fordern die Aufnahmefähigkeit der User heraus und überfluten sie mit Sinnesreizen. Während Usability-Jünger zunehmend einfache Webauftritte fordern, wollen Marketing-Experten mit multimedial angereichterten Webangeboten den Nutzer ködern – häufig auf Kosten der Benutzbarkeit der Webseiten.

Doch wie schlimm steht es eigentlich wirklich um die Benutzbarkeit von bekannten Websites? Werden Webinhalte vom Nutzer überhaupt so wahrgenommen, wie sie ursprünglich von Designern und Programmierern gedacht waren? Gemeinsam mit Rainer Lieser und Jana Jordis bin ich dieser Frage nachgegangen und habe einen kurzen Dokumentarfilm mit dem Titel “Ich sehe was, was Du nicht siehst – Das Internet in den Augen seiner Benutzer” gedreht. In diesem Film haben wir Passanten auf der Straße gebeten uns Ihre Lieblingswebseite zu beschreiben. Dabei sollten sie uns uns sagen, wie ihre Lieblingsseite aussieht und welche Inhalte sie dort besonders gerne nutzen. Einzige Bedingung: Der Name der Website durfte nicht genannt werden…

Hier können Sie sich das Video (13 Minuten) ansehen:

Mein Fazit zum Film: Ich habe während des Drehs und auch während zahlreicher Diskussionen bei öffentlichen Vorführungen des Films einiges zum Thema User experience lernen dürfen. Dabei konnte ich folgende Schlüsse ziehen:

  • Wahrnehmung ist immer subjektiv: Würde man 10 Interntnutzer zu ihrer Wahrnehmung eines bestimmten Webangebots befragen würde man 20 verschiedene Meinungen bekommen. Jeder sieht nun mal Dinge anders und jeder setzt seine Wahrnehmungsschwerpunkte anders.
  • Kontakt zur Basis nicht verlieren: Gerade wenn man als Webworker täglich am Puls der Zeit sitzt sollte man den einfachen Nutzer nicht vergessen und sich bewusst versuchen in dessen Lage zu versetzen. Es ist leicht sich über vermeintlich dumme Nutzer lustig zu machen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass sich umgekehrt gerade diese Nutzer täglich über dumme Programmierer aufregen, die nicht verstehen wollen, das schicke Features auch benutzbar sein sollten.
  • Mit Blick auf das Wesentliche zum Erfolg: Was für jedes reale Unternehmen gilt, gilt auch für virtuelle Unternehmungen: Nur wenn man sich auf eine EINZIGEN Geschäftsbereich spezialisiert wird man richtig erfolgreich sein können. Freemailanbieter, die neben dem Kerngeschäft, nämlich der kostenlosen Bereitstellung von E-Mailadressen, noch Promi-News-Verteiler und DSL-Anschluss-Verkäufer sind werden mit diesen Nebengeschäften nicht sehr erfolgreich am Markt bestehen können. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass die Nutzer die Site aus irgendeinem anderen Grund aufgesucht haben, als eine kostenlose E-Mailadresse zu ergattern. Ein kurzer Blick auf das Alexa-Ranking reicht aus, um zu erkennen, dass in den Top 10 überdurchschnittlich viele Sites zu finden sind, die genau ein einziges Geschäftsfeld bedienen. Ich sehe es als Herausforderung des Web 2.0 an dem Nutzer reduzierte Angebote zu machen, die trotz alledem erfolgreich sein können.
  • Die Wege des Nutzers sind verschlungen und undurchsichtig: Es ist schon interessant, wenn Internetnutzer web.de aufrufen, um von dort aus auf “ihr Google” zu kommen. Vermutlich ist die Idee, die hinter Google Chrome steckt, nämlich den Browser als solchen immer mehr in den Hintergrund rücken zu lassen und wie eine weitere Desktop-Applikation aufzutreten, gar nicht so falsch. Ich bin schon sehr gespannt auf weitere Entwicklungen in diesem Bereich….

Ich hoffe sehr, dass Ihnen das Video gefällt. Wenn ja, dann geben Sie es doch an Ihre Freunde/Verwandte/Kollegen/… weiter. Wenn nein, dann verteilen Sie es bitte umgehend an alle Ihre Feinde ;)

PS: Auf Kommentare/Diskussionen zum Video freue ich mich schon jetzt!

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12 Kommentare zu “User experience: Sehen Internetnutzer Webseiten so, wie es sich Webdesigner gedacht haben?”

  1. Basic Thinking Blog | Ich sehe, was Du nicht siehst (Seh-Befehl;) sagt:

    [...] Jana Jordis, Rainer Lieser und Thorsten Biedenkapp. Mehr dazu im Blog von Thorsten, User experience: Sehen Internetnutzer Webseiten so, wie es sich Webdesigner gedacht haben? Werbung Artikelzusatzinfos 1. Tags: interviews, studien, usability, webseiten 2. weitere [...]

  2. Holger sagt:

    Sehr aufschlussreich und ich habe ähnliche Erfahrungen in meinem Umfeld gemacht. Weiterhin viel Erfolg und beste Grüße.

  3. Fiona sagt:

    Nette Perspektive auf ein Thema, zu dem man meist nicht die nötige Distanz hat!
    PS: SchülerVZ ist rosa??!! (Gott, bin ich alt)

  4. Thorsten sagt:

    Vielen Dank für die Kommentare :) Zur Zeit habe ich ein weiteres “heisses Eisen” im Feuer, und werde hier in Kürze berichten :)

  5. jordroek sagt:

    Ich fand vor allem interessant, dass kaum einer der Interviewten näher auf das Design und die Struktur der jeweiligen Seite eingegangen ist, sondern fast alle direkt auf die Inhalte und Funktionen zu sprechen kamen. Das heißt dann wohl, dass den meisten Usern, zumindest bewusst, das Design, solange es funktionert, egal ist. Wobei man allerdings dagegen halten muss, dass da sicher auch einiges unbewusst passiert. Webseiten haben ja auch sowas wie ein “Wohlfühlpotenzial”, manche Seiten mag man einfach instinktiv nicht, ohne genau zu wissen, warum. Ich denke da spielen solche Dinge wie Design und Struktur dann doch wieder eine Rolle.

  6. Reizüberflutung und Wahrnehmung - Spontis sagt:

    [...] eine Fülle von Möglichkeiten, wenn man diese braucht.  Thorsten Biedenkapp zieht dazu in seinem Blog ganz eigene Schlüsse. Ich fand es im übrigen ebenso schwer, die von den Passanten beschriebenen [...]

  7. www.best-practice-business.de/blog » Weniger ist mehr. Diese Grundregel gilt auch im Internet. sagt:

    [...] kann man auch viele wertvolle Erkenntnisse zum Thema Webusibilty ziehen, wie Thorsten Biedenkapp auf seinem Blog feststellt. Besonders interessant finde ich folgende [...]

  8. hm sagt:

    Super Idee! Hab nur Wikipedia erraten. Dass die Interviewpartner nicht auf das Design eingehen wundert mich nicht. Welcher Nutzer würde bei diesem Versuchsaufbau angewandt auf Zeitschriften oder Fernsehsendern das Design bewerten? Keiner. Ist aber trotzdem wichtig. Der Sprecher im Intro macht etwas lange Pausen. Fast schon wie bei der Sendung mit der Maus.

  9. Matthias sagt:

    Gut gemacht. Das Experiment lässt darauf schließen, dass viele Betreiber von Portalen bzw. Webseiten immer noch nicht so recht wissen, wie die User diese Angebote nutzen. Dabei sollte das doch mittels Web Analytics längst völlig transparent sein…

  10. Thorsten sagt:

    @hm: Ich werde mir Mühe geben beim nächsten Mal flotter zu sprechen ;) Ich merke, dass ich schon etwas aus der Übung bin…. Abgesehen davon habe ich durch Kommentare auf anderen Blogs gelernt, dass ich beim nächsten Video meine Bildfolge überdenken muss, da Video fürs Fernsehen nicht das Gleiche ist wie Video fürs Web. Stichwort: Schneller ohne Intro zum Punkt kommen… Oder was meint ihr?

  11. Thorsten sagt:

    @Matthias: Ich glaubte auch lange, dass Web Analytics da helfen könnte… Aber viele Clicks auf einen Inhalt lassen nicht immer darauf schließen, dass Inhalte auch besonders beliebt sind. Es könnte ja auch sein, dass die Nutzer dort nur versehentlich oder aus Verzweiflung gelandet sind. Aber dennoch ein sehr guter Gedanke von Dir :) Es wäre wirklich interessant herauszufinden, ob Benutzbarkeit immer etwas mit hohen Klickraten zu tun hat. Vermutlich ist es so, wie Bernhard aus Tirol es im ersten Video sagt “…eigentlich klicke ich laufend hin und her…”

  12. woobby» Blogarchiv » Startup Lesson 3: It´s the usability, stupid! sagt:

    [...] für die Web 2.0 Welt im fixed internet umso mehr. “Usability is King!” -  wie auch hier schön beschrieben wird. Nur die Umsetzung. Keine einfache Aufgabe. Wir sind jetzt 1 Jahr unterwegs [...]

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